Lifestyle

Mein Weg zum Minimalismus mit Handicap

Angespornt durch die letzten beiden Jahre, die unter dem Motto „Ordnung schaffen“ standen, also im konkreten „finanzielle Ordnung“ und „Ausmustern“, beschloss ich, das Jahr 2022 zu meinem „Minimalismus-Jahr“ zu küren. Mein neuer Plan: So wenig Materielles wie möglich zu kaufen und dadurch einen kleinen finanziellen Polster anlegen.

Ganz nach der Devise „Mache aus einer Not eine Tugend“ wollte ich die finanzielle Knappheit nach meiner Scheidung für mich nutzen. Einerseits um besser über meine Finanzen Bescheid zu wissen und andererseits das ungute Bauchgefühl wegzukriegen, dass man ständig Geld ausgibt, das man eigentlich nicht hat. Also quasi eine No-Buy Challenge, die ich nun auch wirklich schaffe und nicht nach zwei Wochen bereits wieder beende.

Wie so viele Paare, war es auch bei mir und meinem Ex so, dass man sich ein gemeinsames Leben mit Hausrenovierung usw. aufbaute und sich dafür natürlich ein Darlehen aufnahm. Da alle Reserven für die Renovierung draufgingen und trotzdem leider ein neues Auto hermusste, blieb einem nichts Anderes über als zu leasen. Das bedeutete aber einen zusätzlich sehr hohen monatlichen Kostenpunkt. Am Land mit Handicap ist es eben nicht anders möglich, als ein Auto zu besitzen. Braucht man dann auch noch Automatik-Getriebe und einen Allrad-Antrieb, um auch im Winter auf „den Berg“ zu kommen, dann bleibt einem eigentlich nichts Anderes übrig.

Das im Endeffekt somit erschaffene Leben, war ein Leben, dass sich zwei Personen relativ leicht leisten könnten, aber für eine Person bedeutet es am Limit der finanziellen Möglichkeiten zu leben. All die Kosten für ein Haus, inkl. dem Darlehen dann alleine zu stemmen, war im Nachhinein betrachtet also gar nicht mal so ohne. Fast 50% meines Einkommens gingen für das Darlehen und die Betriebskosten drauf. Für Mobilität 25% und der Rest für Lebensmittel, meine zwei Katzen, weitere Versicherungen, Steuern, Gebühren und natürlich die lieben „Gesundheitskosten“. Im Endeffekt blieb mir monatlich nichts mehr übrig für die schönen Dinge des Lebens, in meinem Fall wären das Kleidung und Deko für mein Haus, geschweigenden zum Ansparen eines Notgroschen

Noch lange nicht, war ich jedoch an dem Punkt angelangt, an dem ich es schaffte nur das aller nötigste zu kaufen. Schon alleine die Verarbeitung meiner Scheidung in Zeiten von Corona brachte mich an meine emotionalen Grenzen. Plötzlich lebte ich völlig alleine, mit nichts um mich herum außer Natur und dann auch noch fast ausschließlich Home Office, mit sehr wenig Kontakt zu anderen. Irgendwie immer ein bisschen am Rande des Wahnsinns also. So lebte ich ständig in der Zuversicht, dass es sich schon irgendwie wieder ausgehen werde…hoffentlich. Und genauso wollte ich nicht mehr weitermachen. Schon allein nachdem ich mir ausrechnete was ich in den letzte beiden Jahren an Überziehungszinsen zahlte. Die zuerst so unbeschwert wirkende Leichtigkeit der Ungebundenheit fühlte sich plötzlich wie Kontrollverlust über das eigene Leben an.

Haushaltsbuch, Budgetliste und Wunschliste retteten mich aus meinem Dilemma

Minimalismus bedeutet für mich nicht nur eine übersichtliche Umgebung und wenig Materielles zu besitzen, sondern auch Klarheit über seine Lebensumstände zu haben. Genau darüber Bescheid zu wissen, was man besitzt und welche Ausgaben man zu tätigen hat.

Obwohl ich schon immer eine eher ordentliche und strukturierte Persönlichkeit war, stellte mich das alleine leben und nun für alles komplett alleine verantwortlich zu sein, nochmal vor eine völlig neue Herausforderung. Obwohl ich bereits seit dem Auszug aus meinem Elternhaus immer für Finanzielles zuständig war, war meine Liste mit Fixkosten lange nicht so genau, wie meine jetzige.

Jeden Monat der letzten beiden Jahre, nahm ich mir vor, nicht wieder tief ins Minus zu rutschen und Monat für Monat scheiterte ich wieder aufs Neue. Vor allem daran, dass ich mir ziemlich unrealistische Ziele setzte. Immer war es etwas Anderes, das mich daran hinderte mein Ziel zu erreichen. Einmal die Bestellung von Katzenfutter für die nächsten Monate oder Arztrechnungen und dann wieder Ausgaben für Geschenke oder Hauswartungskosten. Alles Ausgaben, die sich bei mir nicht wirklich vermeiden lassen, aber mich trotzdem immer wieder aufs Neue überraschten, weil mir schlicht und einfach ein Überblick über meine variablen Kosten fehlte.

Also begann ich Anfang 2020 ein detailliertes Haushaltsbuch zu führen. Denn ich wusste weder, wie viel ich im Monat für Lebensmittel ausgab, noch wie hoch eigentlich meine Gesundheitskosten für Medikamente usw. waren, die sich nicht vermeiden ließen. Dort notierte ich alle Ausgaben für variable Kosten, die nicht in meiner Fixkosten-Budgetliste aufgelistet waren, unter anderem „Ausgaben für „Katzen“, „Mobilität“ oder auch „Hobbies und Unterhaltung“. Somit schaffte ich es mir ein sehr klares Bild über meine Lebensumstände zu machen. So wusste ich nun auch wann genau welche unregelmäßigen Ausgaben auf mich zu kommen würden. Die dadurch gewonnene Klarheit ermöglichte es mir, auf fast alles vorbereitet zu sein, was kam und ich wusste immer ob ich mir etwas leisten konnte oder nicht.

Seit fast einem Jahr führe ich nun auch eine Wunschliste. Auf diese Liste kommen alle Dinge, die nicht unbedingt zum „Überleben“ erforderlich sind, von denen ich mir aber denke, dass ich sie gut brauchen könnte um mein Leben noch mehr zu vereinfachen. Steht eine Sache lang genug darauf und ich habe noch immer das Gefühl es zu brauchen, wenn es finanziell mal wieder etwas lockerer ist, dann kaufe ich es. Vieles wird aber auch einfach wieder nach einer gewissen Zeit gelöscht.

Innerliche Befreiung durch Minimalismus

Auf der anderen Seite finde ich es unglaublich befreiend, eine geordnete und reduzierte Umgebung um mich zu haben und damit sehr viel klarer denken zu können. Es befindet sich nicht mehr so viel Zeug um mich, dass mir irgendwie ein unangenehmes, erdrückendes Gefühl verursacht.

Ich las vor kurzem in einem Beitrag zum Vereinfachen des Lebens, dass wir aufgrund der vielen Auswahlmöglichkeiten heutzutage, täglich einfach viel zu viele Entscheidungen zu treffen haben. Unser Hirn ist damit eigentlich völlig überfordert, was wiederum Stress in uns auslöst.

Diese Worte trafen meine Gefühle auf den Punkt, denn ich war so extrem müde von den vielen Sachen um mich herum und den vielen Entscheidungen die ich durch die unzähligen Möglichkeiten, z.b. beim Thema Kleidung treffen musste. Daher testete ich die letzten drei Monate eine Capsule Wardrobe, bei der ich mit nur 35 Kleidungsstücken auszukommen versuchte. Ein ausführlicher Beitrag hierzu soll noch folgen, aber vorweg kann ich schon mal sagen, dass ich mich keineswegs eingeschränkt fühlte, sondern eher befreit davon, nicht mehr jeden Tag vor meinem riesigen Kasten zu stehen und mich zu fragen „Was zieh ich denn heute nur wieder an?“

Ich habe einfach oft das Gefühl, dass mir durch meinen Schlaganfall viele Dinge schwerer fallen und jede Vereinfachung des Lebens fühlt sich dann wie eine riesen Erleichterung an. Vielleicht ist Minimalismus und Ordnung nicht für alle der richtige Weg, aber für mich scheint es einfach gut zu funktionieren und es fühlt sich so an, als hätte ich wieder mehr Kontrolle über mein Leben. Wenn es schon so viele Dinge auf dieser Welt gibt, die man nicht beeinflussen oder kontrollieren kann.

Alles Liebe

Eure Erika

Bild von Anatoly Kalmykov auf Pixabay 

2 Kommentare zu “Mein Weg zum Minimalismus mit Handicap

  1. Ich ziehe meinen Hut. Mein Schlaganfall ist jetzt gut zwei Jahre her. In dieser Zeit habe häufig überlegt, was ich ohne meine Frau getan hätte? Toll, wie du das so gemeistert hast.

    Gefällt mir

    • Hallo,
      danke für diese lieben Worte. In mittlerweile über 20 Jahren Erfahrung im Umgang mit meinen Schlaganfallfolgen, hab ich nun schon recht gut gelernt, damit umzugehen. 🙂
      Alles Liebe, Erika

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