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Komfortzone, was ist das?

Über ein schwachsinniges Vorurteil zu Menschen mit Behinderung

Bild von lisa runnels auf Pixabay 

Ihr habt es vielleicht schon mal gehört. Diese komische Annahme, dass es Menschen mit einer Einschränkung gäbe, die diese dafür nutzen würden, um nichts leisten zu müssen oder eben aufgrund dessen gar keine für das Umfeld brauchbare Leistung erbringen können. Was ich von unserer Leistungsgesellschaft halte, sei jetzt mal dahingestellt. In diesem Beitrag möchte ich ein bisschen mit dieser Thematik aufräumen. Dazu möchte ich euch erstmal einen groben Auszug meiner beruflichen Laufbahn geben.

Nachdem ich die Handelsschule und eine Lehre zur Versicherungskauffrau abgeschlossen hatte, arbeitete ich kurz als Versicherungsberaterin. Zu dieser Zeit wurde mir jedoch klar, dass ich höherwertigere Ausbildungen brauchte, um als gleich kompetent wahrgenommen zu werden, wie körperlich völlig intakte Menschen. Also beschloss ich zuerst die Berufsreifeprüfung zu absolvieren und bestenfalls anschließend zu studieren, sollte ich keine Arbeit finden. Zur Not aber auch berufsbegleitend. Dann bekam ich den Posten vom dem ich immer träumte.

Ich ging unter, unter all den starken Persönlichkeiten, denen es nicht gelehrt wurde, sich immer unterzuordnen

Musste aber feststellen, dass ich unter all den starken Persönlichkeiten, denen es nicht gelehrt wurde, sich möglichst unterzuordnen, unterging. Stunden zu reduzieren und ebenfalls einen akademischen Abschluss in der Tasche zu haben, könnte das vielleicht ändern, war ich der Meinung. Zum Glück gab es die tolle Erfindung des Selbsterhalterstipendiums, was mir dies sehr einfach ermöglichte.

Ich arbeitete also nur mehr Teilzeit und pendelte zwei- bis dreimal die Woche nach Wien zu den Vorlesungen und Übungen. Für eine Strecke brauchte ich ca. 1,5h. 50-60h pro Wochen mit arbeiten und lernen wurden für mich zur Normalität. Freizeit wurde zum Fremdwort. Wenn ich mir einen Sonntag pro Monat erlaubte, an dem ich nicht mindestens 6 Stunden lernte, hatte ich ein schlechtes Gewissen. Vier Wochen im Jahr gönnte ich mir, in denen ich nicht 7 Tage die Woche arbeitete oder lernte. Da ich ja mehr daheim sei, als jemand, der einen Vollzeitposten nachgeht, solle ich zudem auch noch den gesamten Haushalt machen und für Essen sorgen.

Es blieb die Unfähigkeit sich durchzusetzen und für sich zu kämpfen

Wenn ich dann in der Arbeit war, versuchte ich so viel wie möglich von dem zu erledigen, was ich vorher in 40h machte. Nur keine Arbeit ablehnen, könnte ja falsch verstanden werden. Als ich meinen Abschluss in der Tasche hatte, pushte das tatsächlich meinen Selbstwert enorm. Nur mich durchsetzen, das konnte ich noch immer nicht. Zu tief saß die innere Überzeugung, dass mir ja nichts zustünde. Als Frau nicht und auch als Mensch mit Behinderung nicht. Zum Glück seh ich nicht so schlecht aus. Stellt euch vor, ich würde auch noch optisch so gar nicht den Schönheitsidealen unserer Gesellschaft entsprechen. Hui…. 😉

Nach Abschluss meines Studiums arbeitete ich gleich wieder 40h und begann sofort den Ausbau meines Hauses UND meine Hochzeit zu planen. Wie ich bereits in einem anderen Beitrag erwähnte, hinderte mich nicht mal die Diagnose, dass meine Verengungen der Cerebri media wieder zugingen, daran, das alles in einem Jahr durchzuziehen. Natürlich sind das auf der einen Seite auch schöne Dinge, aber andererseits blieb auch da nicht mehr viel Zeit um auf sich zu achten. Als diese Projekte dann abgeschlossen waren erschuf ich meinen Blog Mrs. Stroke.

Natürlich bin ich auch stolz auf alles was ich geschaffte habe und sehe es auch als Privileg. Aber immer getrieben von dem Vorurteil, dass Menschen mit Behinderung, nichts arbeiten wollen, stürzte ich mich in ein nächstes Projekt, das mich eigentlich überforderte. Ich hatte immer panische Angst davor, jemand könnte denken, ich wäre faul.

Als kleinen Einblick möchte ich euch noch eine kurze Auflistung der Dinge die mir während meiner beruflichen Laufbahn aufgrund dieses Vorurteils passiert sind, geben. Abgesehen davon, dass ich stets das Gefühl hatte, dass manche meiner frühen Kollegen einerseits der Meinung wären, ich könne ja nur Hilfsarbeiten erledigen und wäre zu unfähig für alles andere. Andererseits wurden von mir Dinge verlangt, die ich körperlich einfach nie gut genug können werde und mich daher sehr frustrierten.

…als ich mal länger für eine Antwort auf eine mir gestellte Frage überlegte, erklärte mir eine Kollegin später, dass sie davon gehört hätte, dass man nach einem Schlaganfall auch geistig eingeschränkt sein könne und das werde halt bei mir auch so sein…

 …ich sollte Etiketten entwerfen und ausschneiden. Als ich es nicht schaffte, diese genau auf der schwarzen Linie auszuschneiden – was mit einer spastischen Hand eher unmöglich ist- wurde mir quasi vorgeworfen, ich würde simulieren, dass ich das nicht kann. Ich solle mich doch nicht so unfähig anstellen….

…ich solle doch mehr Therapie machen um meine Hand besser bewegen zu können und besser gehen zu können, dann könnte ich auch mehr Arbeiten machen…

es wäre nur eine Ausrede, dass sich das nach 10 Jahren nach dem Schlaganfall nicht mehr im Hirn regenerieren könne, man müsse nur wollen…

…Nach einer Operation an meinem Bein (Sehenkontraktion), die erst zwei Monate her war und ich noch mit Schiene ging, sollte ich tagtäglich stundenlang im Stehen verschiedene Dokumente Einscannen. Wenn ich dann meinte, dass mir das zu viel sei und mein Fuß immer wieder schmerze, hieß es ich könne mich ja zwischendurch hinsetzen…

…Ich sollte ein Tablett voller Sektgläser die Stiege hinauftragen. Das geht doch sicher, viele andere Dinge kann ich ja auch….

Nie wäre ich auf die Idee gekommen, mich bei meinem Chef zu beschweren. Denn sowas macht man nicht, wurde mir beigebracht. Später erfuhr ich, dass das über mich sehr wohl wurde. Und zwar ich würde meine Behinderung ausnutzen, damit ich nichts arbeiten muss…

All diese Situation trieben mich immer weiter an, mehr und mehr schaffen zu wollen, obwohl mir meine Ärzte immer davon abrieten Vollzeit arbeiten zu gehen und mich lieber auf meine Gesundheit zu konzentrieren. Mit diesem Ratschlag konnte ich nie etwas anfangen. Nein, ich war der Überzeugung, dass ich doppelt so viel erreichen müsste um auf gleiche Weise respektiert zu werden wie „nicht-behinderte“ Menschen.

Mitleid und ein etwas abwertender Blick auf mich und meine Leistungen zogen sich wie ein roter Faden durch mein Leben. Ich spürte stets, das vermeintlich bemitleidenswerte, unfähige behinderte Mädchen zu sein, das froh sein muss, wenn man ihr überhaupt eine Chance gibt. Also, ja nicht über irgend etwas beschweren, denn man könnte ja auch arbeitslos sein.

Diese Beschreibung passte jedoch so gar nicht zu dem Bild, das ich von mir hatte. Ich war überfordert von den Vorurteilen, die Fremde mir gegenüber hatten und wusste nicht, wie ich sie vom Gegenteil überzeugen könnte. Was mich immer zurückhaltender werden lies. Zumindest bis zum Abschluss meines Bachelor-Studiums war das so. Denn dieser Meilenstein, war tatsächlich sozusagen ein Kompetenznachweis, dass ich doch auch mit Behinderung gute Leistungen erbringen konnte.

Und was ist eigentlich genau diese Komfortzone, die man verlassen soll um etwas zu erreichen?

So eine Zone hab ich nie wahrgenommen. Es gab keinen einzigen Zeitraum in meinem Leben, der sich nicht nach kämpfen anfühlte. Aber ja, man will sich ja auf der faulen Haut ausruhen…

Also, lasst euch eines gesagt sein, liebe Menschen, die dieses Vorurteil tatsächlich vertreten. Wenn man eine Einschränkung hat, dann muss man lernen, sehr gut mit seiner Energie zu haushalten. Da unser Körper nicht so reibungslos läuft, wie er eigentlich sollte und das einen Mehraufwand bedeutet, bleibt einem weniger Energie zur Verfügung. Oft geht das auf Kosten von private Unternehmungen, für die dann eben keine Kraft mehr übrig ist. Das ist wohl eher der Normalfall. Ich beneide immer die Menschen, die nach einem achtstündigen Arbeitstag, noch etwas trinken gehen wollen/können. Ich kann mich dann meistens nur mehr auf die Couch legen, weil meine Spasmen so intensiv sind, dass alles andere zu schwierig wäre. Klingt das nach einem Leben auf der faulen Haut?

Aber vielleicht bilde ich mir das ja alles nur ein, weil ich so einen geringen Selbstwert habe 😉

Eure Erika

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