Body & Soul Stroke stuff

Zurück zur „Normalität“: Von der Außenseiterin zur noch größeren Außenseiterin

Bild von Alexas_Fotos auf Pixabay 

Kurz vor dem Jahreswechsel lasse ich mein Leben gerne noch einmal Revue passieren. Momentan denke ich oft an meine Unterstufen- und Oberstufenschulzeit. Enerseits war diese mitunter die schönste und unbeschwerteste Zeit meines bisherigen Lebens und andererseits bescherte sie mir auch die schlimmsten Momente, die auch heute noch schmerzen.

Ich gehörte bereits vor meinem Schlaganfall eher zu den „Außenseitern“.

Ich war eines dieser Mädchen, die sich nicht der Norm anpassen wollten, mochte nicht die Dinge, die alle anderen mochten. Wollte nicht beliebt sein, sondern außergewöhnlich und war immer ein bisschen eigen. Meine Freundinnen und ich standen auf Anime und Mangas, lebten zum Teil in einer Phantasiewelt, die uns von unseren familiären Umständen entfliehen ließ. Was andere von uns dachten, war uns stets egal.

Noch spezieller als zuvor.

Nachdem ich an die Schule zurückkehrte (2. Klasse der Hauptschule), war eines unter meinen LehrerInnen und auch MitschülerInnen sehr präsent – Mitleid. Naja, nicht bei allen. Manch eine teilte mir mit, dass sie auch gerne einen Schlaganfall hätte, zwecks der Aufmerksamkeit die ich jetzt dafür bekomme. Meine Liebe, solltest du das hier lesen, es wär mir tausendmal lieber gewesen dies nicht erlebt haben zu müssen! Denn nun war ich noch spezieller als zuvor. Ich hatte das Gefühl, das Erlebte der letzten Monate hatte mich geistig und vermutlich auch körperlich um mindestens fünf Jahre altern lassen. Es fühlte sich nun noch mehr danach an, nicht dazu zu gehören.

Meine LehrerInnen wollten mir einen Gefallen machen und ließen mich in Englisch in die erste Leistungsgruppe aufsteigen. Dieser Gefallen machte mich zwar stolz, erschwerte mir jedoch den Wiedereinstieg ins „normale“ noch zusätzlich, ich versagte und wurde wieder abgestuft. Zudem stand ja auch noch eine Reha auf meinem Programm, vor der ich enorme Angst hatte.

Von PädagogInnen die sich als Therapeuten versuchten.

Auch meine LehrerInnen in Textverarbeitung und Leibesübungen meinten es stets gut mit mir und wollten bewirken, dass ich meine linke Hand und mein Bein auch während des Unterrichts therapierte. Maschinschreiben mit einer gelähmten Hand fühlte sich quasi so unmöglich an, wie als ungeübter Bergsteiger den Mount Everest zu besteigen. Das sah dann ungefähr so aus: GGGGGGGGGGGGGGEeeeeeeeeeeeeeeeeehttttttttttttttttttttttttttttt‘ssssssssssssssssssssssss noccccccccccccccccccccccccccccccccccch?. Und so saß ich wieder da, völlig überfordert mit Tränen in den Augen.

Obwohl alle LererInnen/ProfessorInnen es sicher immer nur gut mit mir meinten, kann ich all jenen die dies vielleicht lesen, raten, bitte versucht euch nicht als Therapeuten, sondern konzentriert euch auf euren Job als PädagogIn mit der entsprechenden Weitsicht. Davon hat jemand mit einer Behinderung am meisten.

Mich vom Turnunterricht zu befreien schien zuerst nicht möglich und man lies mich –wieder völlig überfordert- mit den anderen mitmachen. Im Nachhinein betrachtet scheint mir dies mehr als absurd. Später war es dann plötzlich doch möglich und ich hatte stattdessen eine mobile Physiotherapeutin bzw. durfte ich zur ambulanten Therapien ins Krankenhaus.

Die Gefühle des Versagens wurden immer intensiver.

All dies führte dazu, dass sich die Gefühle des Versagens immer mehr in mir ausbreiteten. Warum konnte ich es nicht schaffen? Warum war es mir nach dem tausendsten Mal nicht möglich eine Bewegung richtig zu machen? Solche Fragen stellte ich mir Tag für Tag und es machte mich innerlich immer aggressiver. Meine linke Körperseite jemals wieder normal bewegen zu können, erschien mir immer mehr als unmöglich. Ich hasste mich jeden Tag ein bisschen mehr. Dazu kam, dass ich in kürzester Zeit zehn Kilo mehr auf den Rippen hatte. Nicht nur die fehlende Bewegung, sondern auch der Missbrauch von Essen als Therapie für meine Seele, begünstigten dies. Und dann war ja da auch noch die Diagnose Hirntumor meines Vaters. Er hätte nur mehr sieben Jahre zu Leben hieß es, als ich dann dreizehn Jahre alt war.

Rund um mich schien alles unsicher, Papa schwerkrank, meine Mutter völlig überfordert und meine Geschwister auch nervlich nicht wirklich Felsen in der Brandung. Was dich nicht umbringt, mach dich stärker, musste ich mir in meiner Kindheit oft anhören. Was für mich bedeutete, stark sein zu müssen. Das war ich meiner Familie schuldig, nachdem was sie mit mir bereits mitgemacht hatten. Ich war der festen Überzeugung, wenn ich jetzt nachgebe, dann bricht alles zusammen. Ich wollte unbedingt für alle stark bleiben und stets die fröhliche Erika sein. Vor allem für meine Mutter, die doch mit der Arbeit und meinem kranken Papa so viel um die Ohren hatte.

Zu einem Psychologen zu gehen, war in unseren Kreisen so verpönt, dass ich es niemals gewagt hätte, zuzugeben, dass ich ein Problem mit meiner Behinderung hatte. Außerdem hätte das für meine Mutter noch mehr Aufwand bedeutet. Nein, stattdessen war ich die, die immer lacht. Und ich gebe zu, ich lebte von der Anerkennung die ich dafür bekam, alles auszuhalten und niemals zu weinen. Ungefähr zehn Mal habe ich seit dem Schlaganfall geweint, wenn es hochkommt. In nun fast zwanzig Jahren. Wer weint ist schwach, das hat man mir so beigebracht. Und schon gar nicht wegen einem Mann.

In meinem letzten Schuljahr an der Hauptschule fühlte ich mich in meinem Körper so unwohl, dass ich beschloss abzunehmen. Nun wollte ich einfach keine Außenseiterin mehr sein. Inspiriert von meiner Schwester schaffte ich das auch und ich konnte mit 10 kg weniger an der Oberstufe starten. Diese Tatsache verpasste meinem Selbstbewusstsein einen enormen Kick. Auch meine Haare waren mittlerweile wieder ausreichend nachgewachsen. Ich fühlte mich endlich wieder etwas liebenswerter. Zu dieser Zeit lernte ich auch meine erste große Liebe kennen. Um einiges älter als ich, aber das passte zu meinem neuen Ich.  Die aufregendste Zeit in meinem Leben konnte nun beginnen.

Fortsetzung folgt in Kürze! 🙂

Eure Erika

Du möchtest weiterlesen? Hier geht’s zu den Beiträgen meiner Vorgeschichte:

Mein kleiner Weltuntergang… Schlaganfall mit 11 Jahren

Doppelte Bypass-Operation im Alter von 11 Jahren

The further story of my stroke – Die ersten vier Wochen nach meinem Schlaganfall

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